Ganz einfach — Ein Preis auf dem Bildschirm gilt nur für eine bestimmte Menge und einen Moment. Eine große oder dringende Order kann deutlich schlechter ausgeführt werden.
Marktliquiditätsrisiko bezeichnet die Gefahr, eine Position nicht in gewünschter Größe, Zeit und zu vertretbaren Kosten handeln zu können. Es ist vom Funding-Liquiditätsrisiko zu trennen: Das eine betrifft den Markt für das Instrument, das andere die Verfügbarkeit von Zahlungsmitteln oder Sicherheiten.
Mehr als der Bid-Ask-Spread
Der Spread misst die unmittelbare Differenz zwischen bestem Kauf- und Verkaufspreis. Markttiefe zeigt, welche Mengen auf mehreren Preisstufen verfügbar sind. Resilienz beschreibt, wie schnell sich das Orderbuch nach einem Schock erholt. Handelsvolumen und Turnover liefern Kontext, garantieren aber keine Ausführung für eine konkrete Order.
Market Impact ist die Preisbewegung, die durch die eigene Order und ihre Informationswirkung entsteht. Er hängt nicht nur vom Anteil am Tagesvolumen ab, sondern auch von Dringlichkeit, Ordertyp, Tageszeit, Volatilität und sichtbarer Liquidität.
Größe und Horizont gehören in die Messung
„Das Instrument ist liquide“ ist ohne Positionsgröße unvollständig. Eine kleine Order kann nahezu ohne Preiswirkung ausgeführt werden, während dieselbe Position als Block mehrere Tage benötigt. Ein Liquidationshorizont muss zur Strategie, zum Risikobericht und zu möglichen Marginfristen passen.
In ruhigen Daten gemessene Kosten unterschätzen möglicherweise Stress. Dann ziehen sich Market Maker zurück, Spreads verbreitern sich und mehrere Anleger verkaufen gleichzeitig. Historische Durchschnittswerte werden deshalb mit Szenarien für geringere Tiefe und höhere Volatilität ergänzt.
Nichtlinearität und Portfoliowirkung
Die Kosten wachsen bei zunehmender Größe häufig nicht linear. Der Verkauf einer Position kann außerdem andere Positionen beeinflussen, wenn sie denselben Markt, ETF, Future oder Sicherheitenpool nutzen. Ein aggregierter Liquiditätstest ordnet Orders zeitlich, berücksichtigt gegenseitige Abhängigkeiten und trennt erwartete von gestressten Kosten.
Kontrollen vor und nach dem Trade
Vor der Order werden gewünschte Menge, zulässige Dauer, Preisbenchmark und Abbruchkriterien definiert. Nachher werden Slippage, Implementation Shortfall, Teilfüllungen und Marktbewegung ausgewertet. Für Notfallverkäufe werden alternative Handelsplätze, Instrumente und Eskalationswege dokumentiert, ohne deren Verfügbarkeit im Stress zu garantieren.
Typischer Fehler — Aus dem durchschnittlichen Tagesvolumen eine universelle sichere Positionsgröße abzuleiten. Volumenverteilung, Beteiligungsrate, Marktimpact und Regime fehlen.
Liquiditätsadjustierte Risikosicht
Eine Marktrisikozahl kann um einen realistischen Liquidationshorizont und gestresste Ausführungskosten ergänzt werden. Dabei bleibt getrennt, welcher Teil aus Preisbewegung und welcher aus Spread oder Market Impact stammt. Eine pauschale Multiplikation mit der Haltedauer ist bei nichtlinearen Kosten und wechselnder Volatilität oft zu grob. Portfolios mit gemeinsamem Markt werden in einer geordneten Verkaufssequenz bewertet, weil die erste Order die Bedingungen für die nächste verändern kann.
Quellen
- BIS Committee on the Global Financial System, Market Liquidity: Research Findings and Selected Policy Implications.
- BIS, Market liquidity: proceedings of a workshop.
- European Central Bank, Market liquidity and financial stability.