Ganz einfach — Ein Stresstest fragt: „Was geschieht mit Portfolio, Liquidität und Betrieb, wenn etwas Schweres passiert?“ Er behauptet nicht, dass genau dieses Ereignis eintreten wird.
Ein Stresstest bewertet Verwundbarkeit unter expliziten ungünstigen Bedingungen. Er kann Marktpreise, Volatilitäten, Korrelationen, Spreads, Funding, Gegenparteien oder operative Fähigkeiten gleichzeitig verändern.
Vom Zweck zum Szenario
Zuerst wird die Frage bestimmt: Verlusttragfähigkeit, Marginbedarf, Liquidierbarkeit, Gegenparteiausfall oder Betriebsfortführung. Danach folgen Umfang, Horizont, Ausgangspositionen und die zu verändernden Risikofaktoren. Ein Schock ohne Zweck ist nur eine Zahlensammlung.
Historische Szenarien übertragen beobachtete Episoden auf das aktuelle Portfolio. Hypothetische Szenarien kombinieren plausible Veränderungen, die so noch nicht gemeinsam beobachtet wurden. Sensitivitätstests verändern einen oder wenige Faktoren systematisch. Ein Reverse Stress Test beginnt beim unerwünschten Ergebnis und sucht Bedingungen, die dorthin führen könnten.
Konsistenz statt isolierter Schocks
Ein starker Aktienrückgang kann mit höherer Volatilität, breiteren Spreads, veränderten Korrelationen und zusätzlicher Margin einhergehen. Diese Größen willkürlich unabhängig zu setzen kann ein physikalisch oder ökonomisch unplausibles Szenario erzeugen. Die Abhängigkeiten müssen erklärt werden; eine einzige historische Korrelation ist dafür nicht genug.
Bei linearen Positionen kann eine Sensitivitätsrechnung genügen. Optionen, Kreditprodukte und große Bewegungen verlangen häufig Vollbewertung. Annahmen zu Ausführung und Market Impact gehören in das Ergebnis, wenn das Portfolio unter Stress tatsächlich reduziert werden soll.
Ergebnis und Handlung trennen
Ein Verlustwert ist nur der Anfang. Der Report zeigt Treiber, Sensitivitätsbrüche, Marginbedarf, verfügbare Sicherheiten, Liquidität und mögliche Zweitrundeneffekte. Vorab definierte Eskalationen können eine genauere Analyse, zusätzliche Liquiditätsreserve, reduzierte Konzentration oder operative Notfallmaßnahmen auslösen.
Der Test „besteht“ nicht dauerhaft. Positionen, Märkte und Infrastruktur ändern sich. Wiederholung, Versionskontrolle und eine unabhängige kritische Prüfung der Annahmen sind Teil der Governance.
Verhältnis zu VaR und ES
VaR und Expected Shortfall verdichten eine geschätzte Verteilung. Ein Stresstest untersucht ausgewählte Zustände, auch außerhalb der Stichprobe. Beide Ansätze ergänzen sich: Die Verteilungskennzahl liefert eine regelmäßige Messung, das Szenario macht konkrete Bruchstellen sichtbar. Keiner der beiden Ansätze deckt automatisch jedes denkbare Ereignis ab.
Typischer Fehler — Nur den Preis zu schocken und unveränderte Liquidität, Margin und Korrelation zu unterstellen. Gerade deren gemeinsamer Bruch kann das Ergebnis dominieren.
Szenariobibliothek und Vergleichbarkeit
Eine gepflegte Bibliothek trennt wiederkehrende Kernschocks von ereignisbezogenen Zusatztests. Jede Version speichert Ausgangsdatum, Faktorabbildung, Modell und Freigabe. Dadurch lässt sich erkennen, ob ein geänderter Verlust aus neuen Positionen, neuen Marktdaten oder einer geänderten Methode stammt. Ergebnisse werden nicht nur als Gesamtbetrag, sondern nach Treiber und Rechtsträger verglichen. Veraltete Szenarien bleiben für die Historie auffindbar, werden aber nicht unbemerkt weiterverwendet.
Quellen
- Basel Committee, Stress testing principles.
- Basel Framework, RMA30 — Stress testing.
- Basel Committee, Supervisory and bank stress testing.
- U.S. SEC, Use of Derivatives — Final Rule.