Ganz einfach — Eine Szenarioanalyse beschreibt eine mögliche Welt und rechnet durch, was sie für das heutige Portfolio bedeuten würde. Sie ist eine bedingte Aussage, keine Vorhersage.
Die Szenarioanalyse verbindet eine Erzählung mit prüfbaren Zahlen. Eine Zinsbewegung allein ist noch kein vollständiges Szenario. Benötigt werden Horizont, betroffene Faktoren, Abhängigkeiten, Positionen, Bewertungsregeln und die Frage, welche Entscheidung unterstützt werden soll.
Historisch, hypothetisch und pfadbasiert
Ein historisches Szenario verwendet eine beobachtete Episode, muss sie aber auf die aktuellen Instrumente und Marktstrukturen übertragen. Ein hypothetisches Szenario konstruiert einen plausiblen Zustand, etwa einen gleichzeitigen Zinsschock, breitere Kreditspreads und geringere Liquidität. Ein pfadbasiertes Szenario beschreibt zusätzlich die zeitliche Reihenfolge; diese kann für Margin, Barrieren und dynamische Absicherung entscheidend sein.
Die historische Bezeichnung macht ein Szenario nicht automatisch realistischer. Produkte, Politik, Marktteilnehmer und Handelsplätze können sich geändert haben. Umgekehrt ist „hypothetisch“ kein Synonym für beliebig. Annahmen müssen ökonomisch begründet und intern konsistent sein.
In vier Schritten zur Bewertung
Zuerst werden Zweck und Ausgangsportfolio eingefroren. Dann werden primäre Schocks und ihre abhängigen Größen definiert. Anschließend wird jede Position mit einer geeigneten Methode neu bewertet. Zum Schluss werden P&L, Risikotreiber, Sicherheiten, Liquidität und mögliche Managementmaßnahmen zusammengeführt.
Lineare Näherungen eignen sich nur für kleine Bewegungen und annähernd lineare Payoffs. Bei Optionen, Kündigungsrechten oder großen Kurvenänderungen ist eine Vollbewertung häufig notwendig. Werden Positionen im Szenario geschlossen, gehören Spread, Markttiefe und Market Impact in die Rechnung.
Szenario und Stresstest
Die Begriffe überschneiden sich. Eine Szenarioanalyse kann auch günstige oder neutrale Zustände untersuchen. Ein Stresstest konzentriert sich auf schwere ungünstige Bedingungen und die Tragfähigkeit. Für die Governance ist weniger das Etikett wichtig als die vollständige Spezifikation.
Was ein gutes Ergebnis zeigt
Neben dem Gesamtverlust werden die dominanten Positionen und Faktoren sichtbar. Bandbreiten zeigen, wie empfindlich das Ergebnis auf unsichere Annahmen reagiert. Ein Vergleich mit VaR oder Expected Shortfall erklärt, ob das Szenario innerhalb oder außerhalb des modellierten Verteilungsbereichs liegt. Die Entscheidung — akzeptieren, absichern, reduzieren oder weiter analysieren — bleibt vom Mandat abhängig.
Typischer Fehler — Nachträglich Schocks zu wählen, bis ein gewünschtes Ergebnis erscheint. Szenarioversion, Zweck und Annahmen müssen vor der Interpretation feststehen.
Bandbreiten statt Scheingenauigkeit
Unsichere Übertragungen können mit mehreren begründeten Varianten gezeigt werden. Statt einen Liquiditätsabschlag oder eine Korrelation als sicher zu behandeln, werden niedrige, mittlere und hohe Annahmen bewertet. Die Bandbreite ist keine Wahrscheinlichkeit, sondern eine Sensitivitätsinformation. Sie zeigt, welche Annahme die Entscheidung kippt und wo zusätzliche Daten den größten Nutzen hätten. Werden Szenarien kombiniert, bleibt sichtbar, welche Faktoren gemeinsam und welche unabhängig verändert wurden.
Quellen
- Basel Framework, RMA30 — Stress testing.
- Basel Committee, Stress testing principles.
- Basel Committee, Supervisory and bank stress testing.
- Federal Reserve, Scenario Design Framework for Stress Testing.