Für wen dieser Artikel gedacht ist — Für alle, die eine Risikomatrix lesen, die Portfoliovarianz berechnen oder eine Abhängigkeit in den Originaleinheiten von der standardisierten Korrelation unterscheiden müssen.
Die Kovarianz misst, wie zwei Variablen gemeinsam von ihren jeweiligen Mittelwerten abweichen. Sie ist positiv, wenn Abweichungen gleichen Vorzeichens häufig zusammen auftreten, negativ bei gegenläufigen Abweichungen und nahe null, wenn die Stichprobe keine ausgeprägte gemeinsame lineare Bewegung zeigt. Ihr Wert ist nicht standardisiert: Größenordnung und Einheit hängen von den gemessenen Variablen ab.
Im Portfolio verbindet die Kovarianz das Risiko einzelner Komponenten mit dem Risiko des Ganzen. Zwei volatile Instrumente ergeben nicht zwingend ein ebenso volatiles Portfolio, wenn sich ihre Renditen nicht stets gleichgerichtet bewegen. Diese Beziehung ist jedoch eine Schätzung aus Daten, Fenster und Konventionen, keine unveränderliche Eigenschaft von Wertpapieren.
Populationsdefinition und Stichprobenschätzung
Für Zufallsvariablen X und Y mit endlichen Mittelwerten
lautet die Populationskovarianz:
Cov(X,Y) = E[(X − μₓ)(Y − μᵧ)]Der Erwartungswert bezieht sich auf die theoretische Verteilung. In der Praxis
liegt eine Stichprobe aus n zeitlich ausgerichteten Beobachtungen
vor. Werden die Mittelwerte aus derselben Stichprobe geschätzt, ist folgende
Konvention üblich:
sₓᵧ = [1 / (n − 1)] × ∑ₜ₌₁ⁿ (xₜ − x̄)(yₜ − ȳ)Der Nenner n − 1 kennzeichnet die um Freiheitsgrade korrigierte
Stichprobenkovarianz. Manche Bibliotheken, Maximum-Likelihood-Modelle und
deskriptiven Auswertungen verwenden n. Ohne Angabe der Konvention
ist das Resultat nicht eindeutig interpretierbar. Die Beobachtungen müssen
dieselben ökonomischen Intervalle abbilden; europäische Schlussrenditen mit
einem abweichenden US-Zeitfenster zu paaren, kann Asynchronität statt
Abhängigkeit messen.
Bei Finanzpreisen werden üblicherweise Kovarianzen konsistenter Renditen oder P&L-Änderungen geschätzt, nicht Kovarianzen kumulierter Preisniveaus. Gemeinsame Trends können Scheinkorrelationen erzeugen; einfache Rendite, Log-Rendite und monetärer P&L beantworten zudem unterschiedliche Fragen.
Einheiten: Kovarianz ist nicht Korrelation
Die Kovarianz behält das Produkt der Einheiten. Werden beide Variablen in Prozentpunkten ausgedrückt, lautet die Einheit „Prozentpunkte zum Quadrat“; bei dezimalen Renditen „Dezimalzahl zum Quadrat“. Eine Skalierung verändert den Zahlenwert, auch wenn die ökonomische Beziehung gleich bleibt.
Die Korrelation entfernt die Skala durch Division durch beide Standardabweichungen:
ρₓᵧ = Cov(X,Y) / (σₓ × σᵧ)Sind σₓ und σᵧ positiv, ist ρ
dimensionslos und liegt zwischen −1 und +1. Bei einer Standardabweichung von
null ist die Korrelation nicht definiert, die Kovarianz mit der konstanten
Variablen dagegen null. Gleiche Korrelation zweier Paare bedeutet nicht gleiche
Kovarianz, denn unterschiedliche Volatilitäten erzeugen andere Risikoskalen.
Beispiel: Zwei Renditen haben Volatilitäten von 10 % und 20 % sowie eine Korrelation von 0,25. In Dezimalschreibweise gilt:
0,10 × 0,20 × 0,25 = 0,005 Dezimal²In Prozentpunkten ergibt sich 10 × 20 × 0,25 = 50
Prozentpunkte². Beide Werte beschreiben denselben Fall mit Skalierungsfaktor
10.000. Eine dezimale mit einer prozentualen Volatilität zu mischen, ist ein
Einheitenfehler und keine andere Risikoauffassung.
Von der Paarbeziehung zur Kovarianzmatrix
Für p Renditen im Vektor R enthält die
Kovarianzmatrix Σ jedes Variablenpaar:
Σᵢⱼ = Cov(Rᵢ,Rⱼ)Sie ist symmetrisch, weil Cov(Rᵢ,Rⱼ) = Cov(Rⱼ,Rᵢ). Auf der
Diagonale stehen die Varianzen σᵢ², außerhalb die Kovarianzen. Für
zwei Assets:
Σ = (σ₁², σ₁₂; σ₁₂, σ₂²)Für einen Gewichtsvektor w ist die Portfoliovarianz in einem
konsistenten linearen Modell:
σₚ² = wᵀΣwMit den obigen Daten und Gewichten von 60 % und 40 % folgt:
σₚ² = 0,60²×0,10² + 0,40²×0,20² + 2×0,60×0,40×0,005 = 0,0124Die geschätzte Volatilität beträgt damit √0,0124 ≈ 11,14 %. Der
Kreuzterm erscheint zweimal, weil die Matrix beide symmetrischen Positionen
enthält. Die Formel misst weder maximalen Verlust noch Liquiditätsrisiko oder
nichtlineare Payoffs; sie beschreibt die Varianz des gewählten Modells.
Positiv semidefinit bedeutet nicht invertierbar
Eine gültige Kovarianzmatrix ist positiv semidefinit (PSD):
aᵀΣa ≥ 0 für jeden Vektor aDenn aᵀΣa ist die Varianz der Linearkombination
aᵀR und kann nicht negativ sein. PSD bedeutet nicht zwingend
positiv definit. Die Matrix kann singulär sein, wenn eine Reihe eine
Linearkombination anderer ist, Duplikate vorliegen oder die effektive Zahl der
Beobachtungen gegenüber der Variablenzahl zu klein ist. Dann existiert keine
gewöhnliche Inverse.
Auch eine invertierbare Matrix kann schlecht konditioniert sein: Kleine Inputänderungen führen dann zu großen Gewichtsänderungen. Ledoit und Wolf schlagen einen Shrinkage-Schätzer vor, der die Stichprobenmatrix mit einem strukturierten Ziel kombiniert, um Fehler und Konditionierung zu verbessern. Shrinkage, Faktormodelle und Regularisierung sind zu dokumentierende Schätzentscheidungen; sie machen Daten nicht „wahr“.
Bei identischer vollständiger Stichprobe und Zentrierung ist eine konsistent konstruierte Stichprobenmatrix bis auf numerische Toleranzen PSD. Paarweiser Ausschluss fehlender Daten kann dagegen je Matrixelement andere Stichproben verwenden und eine indefinite Matrix erzeugen. Ähnliche Probleme entstehen durch grobe Rundung, manuell geänderte Korrelationen, Volatilitäten verschiedener Stichtage oder zusammengeführte Anbieter. Negative Eigenwerte auf null zu setzen verändert die Schätzung und erfordert einen Methodenvermerk.
Daten, Fenster und Annualisierung
Eine reproduzierbare Schätzung nennt Universum, Währung, Renditeart, Frequenz, Kalender, Fenster, Umgang mit fehlenden Daten, Kapitalmaßnahmen, Ausreißern und Schätzverfahren. Für Strategien sind Brutto- oder Netto-P&L, Nominalwert, Sicherheiten und Synchronisierung zu klären. Eine Matrix in Lokalwährungen ist nicht dieselbe wie aus Sicht eines Investors in Basiswährung: FX fügt Varianz und Kovarianzen hinzu.
Kurze Fenster reagieren schneller, enthalten aber weniger Beobachtungen. Lange Fenster reduzieren einen Teil des Stichprobenrauschens, können jedoch unterschiedliche Regime vermischen. Illiquide Renditen und stale Bewertungen dämpfen zeitgleiche Kovarianzen künstlich; Ausreißer und gemeinsame Ereignisse können dominieren. Es gibt keine universell richtige Fensterlänge.
Eine tägliche Kovarianz mit der Zahl der Jahresperioden zu multiplizieren ist nur unter geeigneten Annahmen zur Zeitaggregation konsistent, darunter fehlende Lead-Lag-Kovarianzen. Allgemein enthält die Kovarianz aggregierter Renditen auch zeitversetzte Terme. Serialität, Asynchronität und Autokorrelation machen die lineare Annualisierung daher zu einer Modellannahme, nicht zu einer Identität.
Interpretationsgrenzen und Kontrollen
Kovarianz misst lineare Abhängigkeit zweiter Ordnung. Sie belegt keine Kausalität, bedeutet bei null nicht zwingend Unabhängigkeit und beschreibt nichtlineare, asymmetrische oder Tail-Abhängigkeiten nicht vollständig. Gerade in Stressphasen kann sie sich ändern. Eine einzelne historische Matrix enthält keine Gaps, Defaults, Liquidität, Market Impact, Margin Calls oder Geschäftsmodellbrüche.
Vor der Nutzung sind mindestens folgende Kontrollen sinnvoll:
- Einheiten, Währung, Zeitstempel und Renditedefinition abstimmen;
- effektive Stichprobengröße und Regel für fehlende Daten berichten;
- Symmetrie, Diagonale, Eigenwerte und Konditionierung prüfen;
- Fenster, Frequenzen und alternative Schätzer vergleichen;
- bei Bedarf Stressszenarien und nichtlineare Abhängigkeitsmaße ergänzen;
- Daten, Code, Parameter und Schätzdatum aufbewahren;
- deskriptive Schätzung, Prognoseinput und Portfolioentscheidung trennen.
Michaud zeigt, wie Optimierung Inputfehler verstärken kann; DeMiguel, Garlappi und Uppal untersuchen out of sample die Schwierigkeit, komplexe Schätzungen in robuste Vorteile zu übersetzen. Daraus folgt kein stets überlegener Schätzer, sondern die Pflicht zu anwendungsbezogener Robustheits-, Kosten- und Out-of-sample-Prüfung.
Typischer Fehler — Eine Matrix ohne Einheiten oder mit unterschiedlichen Stichproben zu lesen und anschließend als stabile Prognose zu behandeln. PSD, Invertierbarkeit und Genauigkeit sind verschiedene Eigenschaften; keine universelle Schwelle macht eine Kovarianz „gut“ oder „schlecht“.
Quellen
- Harry Markowitz, Portfolio Selection, The Journal of Finance (1952) — ursprüngliche Portfolioauswahl mittels erwarteter Rendite, Varianzen und Kovarianzen.
- National Institute of Standards and Technology, Correlation — Dataplot Reference Manual — Definition des standardisierten Koeffizienten und Beziehung zwischen Kovarianz, Standardabweichungen und Korrelation.
- Olivier Ledoit und Michael Wolf, A Well-Conditioned Estimator for Large-Dimensional Covariance Matrices, Journal of Multivariate Analysis (2004) — Originalarbeit zu Shrinkage und Konditionierung großer Matrizen.
- Richard O. Michaud, The Markowitz Optimization Enigma: Is “Optimized” Optimal?, Financial Analysts Journal (1989) — Wirkung von Schätzfehlern auf Optimierungsergebnisse.
- Victor DeMiguel, Lorenzo Garlappi und Raman Uppal, Optimal Versus Naive Diversification: How Inefficient Is the 1/N Portfolio Strategy?, Review of Financial Studies (2009) — Out-of-sample-Vergleich von Allokationsregeln und Schätzprobleme.